Urteil gegen Syrien-Rückkehrer erwartet
Islamismus gibt "das Gefühl, einer Elite anzugehören"
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Sie sollen von Wolfsburg in den Kampf für die Terrormiliz IS gezogen sein: Heute wird das Urteil gegen zwei Deutsch-Tunesier erwartet. Der Psychologe Ahmad Mansour spricht im heute.de-Interview über Radikalisierung und Prävention: "Wer wartet, bis der Islamismus in Gewalt umschlägt, hat verloren."

heute.de:
In Celle soll heute das Urteil gegen zwei junge Männer aus Wolfsburg fallen, die für die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien aktiv gewesen sein sollen. Einer sagte vor Gericht aus, er habe Probleme in der Schule gehabt und sei sozial isoliert gewesen. Ist das der typische Weg in die Radikalisierung?
Ahmad Mansour ... 
Ahmad Mansour:
Es gibt keinen typischen Weg. Rassismus und Diskriminierung als Gründe - das ist zu kurz gedacht. Es sind unzufriedene Jugendliche, die ankommen wollen. Das können sie in der Ideologie des Islamismus. Sie finden eine Mission, eine Aufgabe, Anerkennung. Sie erfahren Orientierung und Halt, können die Verantwortung abgeben. Sie bekommen das Gefühl, einer Elite anzugehören. Aber, und das dürfen wir nie vergessen: Es handelt sich um eine Ideologie, die verbunden ist mit Feind- und Opferrollen und einem patriarchalischen Islamverständnis. All das zusammen führt zur Radikalisierung.
heute.de:
Einer der Angeklagten sagte, er und seine Familie hätten nichts mit Religion zu tun gehabt. Warum dann ausgerechnet die Flucht in den Islamismus?
Mansour:
Islamisten sind eben die Aktivsten in dieser Gesellschaft. Sie machen Jugendlichen Angebote, sprechen ihre Probleme an. Sie missionieren – und zwar genau dort, wo die Jugendlichen sind. Nicht nur in den Moscheen, sondern auch vor Kinos und in den Gefängnissen. Auch wenn sie nicht mit der Religion aufgewachsen sind, haben die meisten Jugendlichen patriarchalische Strukturen und traditionelle islamische Vorstellungen kennengelernt oder psychologische Anfälligkeiten. Auf diesen baut die islamistische Ideologie auf, weshalb diese Menschen dann anfälliger für radikale Tendenzen werden.
heute.de:
Wie kann die Gesellschaft verhindern, dass sich Jugendliche dem IS anschließen?
Mansour:
Wir müssen uns mehr auf diejenigen konzentrieren, die unter uns leben und Werte und Ideologien in sich tragen. Wer wartet, bis der Islamismus in Gewalt umschlägt, hat verloren. Jugendliche vor der Radikalisierung zu bewahren ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie ist verbunden mit Aufklärungskampagnen. Eltern spielen dabei eine Schlüsselrolle. Außerdem brauchen wir eine Schulreform: Wir müssen die Lehrer befähigen, radikale Tendenzen zu erkennen und es ihnen ermöglichen, über aktuelle politische Themen zu sprechen. Wir müssen kritisches Denken fördern, Sozialarbeit vor allem im Internet betreiben. Die meisten Jugendlichen sammeln dort ihre Informationen, aber die sozialen Netzwerke sind zu rechtsfreien Räumen geworden, wo Menschen jegliche radikale Tendenzen frei artikulieren können. Und wir, die Zivilgesellschaft, sind nicht da.
heute.de:
Muss sich die Gesellschaft auch anders mit dem Islam auseinandersetzen?
Mansour:
Wir brauchen auf jeden Fall auch eine innerislamische Debatte, die ein Verständnis anbietet, das alternativ zu dem der Islamisten arbeitet. Das nichts mehr mit radikalen Tendenzen zu tun hat. Wir benötigen ein Islamverständnis, das Zweifel zulässt, das Menschen mündig macht, das nicht auf Angst und patriarchalischen Strukturen aufbaut und Sexualität tabuisiert. Ein Verständnis, das keine Schwarz-Weiß-Bilder von Opfern und Tätern zeichnet. Da sind wir ganz am Anfang.
heute.de:
Wie bewerten Sie hier die Rolle der Politik?
Mansour:
Wenn man sich anschaut, wie die Politik gegenwärtig mit dem Problem der Radikalisierung umgeht, erkennt man viel Planlosigkeit und Aktionismus. Es gibt kaum flächendeckende, nachhaltige Angebote. Langfristige Präventionsarbeit bedarf sehr viel Zeit. Das ist eine Generationenaufgabe. Wenn wir jetzt Präventionsarbeit in den Schulen betreiben, merken wir die Ergebnisse erst nach zehn bis 15 Jahren. Deshalb müssen wir jetzt anfangen, bevor wir noch mehr Jugendliche verlieren.
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heute.de:
Wie entwickelt sich die Rekrutierung deutscher Kämpfer und wer wird angesprochen?
Mansour:
Seit mehreren Monaten merken wir, dass vermehrt Mädchen angesprochen werden. Sie werden gebraucht, um sie mit Kämpfern verheiraten zu können. Es werden auch solche Leute angesprochen, die nicht kämpfen wollen, sondern nur islamisch leben wollen. Anfällig für die Radikalität der Islamisten sind auch jene, die Abenteuer erleben wollen. Die einfach mit der Kalaschnikow durch die Wüste laufen wollen. Oder gewaltaffine Psychopathen. Junge Männer, die auf der Suche nach Frauen sind, sind ebenfalls besonders offen für den Islamismus. Sexualität kann dort auf eine perverse Art ausgelebt werden – anders als in einem konservativen islamischen Haushalt.
heute.de:
Wie sollten wir mit islamistischen Kämpfern, die zurückkehren, umgehen?
Mansour:
Das ist keine homogene Gruppe. Straftäter müssen vor Gericht zur Verantwortung gezogen werden. Sie sollten nicht als arme Opfer wahrgenommen werden. Wir müssen aber Aussteiger intensiv betreuen, denn mit ihrer Hilfe können wir Jugendlichen sehr authentisch von den Praktiken des IS berichten und sie so möglicherweise davon abhalten, nach Syrien oder in den Irak zu gehen.
heute.de:
Sind also die, die nach Syrien gehen, verloren?
Mansour:
Nein. Sie rufen aber nicht an und sagen "Ich hab ein Problem, bitte hilf mir". Das sind die Eltern. Über sie versuchen wir, eine Beziehung aufzubauen und auch zur Bezugsperson zu werden, um sie indirekt zu erreichen. Das ist aber intensive Arbeit und es gibt keine Erfolgsgarantie.
heute.de:
Der Verfassungsschutz warnt davor, dass Islamisten Flüchtlinge radikalisieren. Besteht da eine Gefahr?
Mansour:
Die absolute Mehrheit der Asylbewerber flüchtet vor Islamisten und ist überhaupt nicht ansprechbar für deren Ideen. Salafisten sind aber der Auffassung, sie hätten eine unglaubliche Schatztruhe entdeckt. Denn die Flüchtlinge sind entwurzelt und traumatisiert. Und deswegen sind hier sehr viele unterschiedliche islamistische Gruppen aktiv. Flüchtlinge müssen wir begleiten, integrieren, wir müssen Ihnen Zugänge in der Mehrheitsgesellschaft ermöglichen und die Werte dieser Gesellschaft vermitteln, so werden wir sie nicht an den Islamismus verlieren.
Das Interview führte Michèle Antonia Mertes