Eurovision Song Contest

EBU kündigt Strafen gegen Ukraine und Russland an

Das Hickhack beim Eurovision Song Contest 2017 hat Konsequenzen: Weil Gastgeber Ukraine die russische Sängerin nicht ins Land einreisen lässt, kündigt der ESC-Veranstalter jetzt Strafen an - sowohl gegen die Ukraine als auch gegen Russland. Sogar eine Sperre in den nächsten Jahren ist denkbar.

Es ist der größte Musikwettbewerb der Welt: Wenn kommende Woche Vertreter aus 42 Ländern beim diesjährigen Eurovision Song Contest in Kiew auftreten, werden etwa 200 Millionen Zuschauer erwartet. Doch neben der Musik wird vor allem ein Thema diesen ESC beherrschen: Der Konflikt zwischen Gastgeber Ukraine und Russland. Eigentlich wollte Russland Sängerin Julia Samoylova nach Kiew schicken. Doch Samoylova erhielt von der Ukraine keine Einreisegenehmigung. Begründung: Samoylova war auf der von Russland annektierten Krim aufgetreten, für die Ukraine eine Grenzverletzung.

Dominik Rzepka berichtet für heute.de über den ESC in Kiew
Koch / ZDF

Eine Entscheidung, die für den Veranstalter des ESC, die European Broadcast Union (EBU), Konsequenzen haben wird: "Aus ukrainischer Sicht ist die Gesetzeslage eindeutig, aber aus EBU-Sicht ist es dennoch ein Verstoß gegen die Statuten", sagt Frank-Dieter Freiling, Vorsitzender der sogenannten ESC-Reference Group der EBU und damit so etwas wie der Chef des Wettbewerbs. Der gastgebende Sender sowie der ukrainische Premierminister hätten sich verpflichtet, alle Gäste der EBU wie des ESC in Kiew willkommen zu heißen. "Insofern ist das ein Verstoß gegen die Statuten, der sanktioniert werden muss", sagt Freiling heute.de. Es sei ein Grundwert des ESC, dass jedes EBU-Mitglied teilnehmen könne. "Egal, wer der Gastgeber ist."

Sperre bis zu drei Jahre denkbar

Kritik am Umgang mit den Statuten äußert Freiling auch an Russland: "Die Russen haben dagegen verstoßen, weil sie an verschiedenen verpflichtenden Sitzungen im Vorfeld in Kiew nicht teilgenommen haben", sagt er. "Wird es Sanktionen geben gegen die Ukraine und Russland? Ja, die muss es geben, weil es einen Bruch der Statuten gibt", so Freiling zu heute.de. In ihrem nächsten Treffen kommende Woche werde sich die EBU mit dem Verhalten beider Länder beschäftigen. "Nach dem ESC wird es eine Bekanntmachung geben, wahrscheinlich im Rahmen der Sitzung am 12. Juni."

Wie diese Bekanntmachung aussehen wird - dazu möchte sich Freiling nicht äußern. "Ich will ausdrücklich sagen, dass wir das alles noch nicht besprochen haben." Er wolle das Ergebnis auch nicht vorweg nehmen. "Wir werden auf jeden Fall hinsichtlich des Umfanges der Sanktionen ergebnisoffen beraten", so Freiling. "Unsere Statuten sehen manches bei Verstößen vor, von einer Geldstrafe, dem Entzug der Sponsorenanteile bis zu einer Sperre von bis zu drei Jahren", so Freiling. Im Klartext: Sowohl die Ukraine als auch Russland droht eine dreijährige Sperre. Beide Länder könnten theoretisch von den Wettbewerben 2018, 2019 und 2020 ausgeschlossen werden.

Ukraine gewann 2016 mit einem Song über Krimtataren

Die Politik hat den Eurovision Song Contest zuletzt 2012 in Aserbaidschan derart überlagert. Der russische Vize-Außenminister Grigori Karasin hatte das gegen Sängerin Samoylova verhängte Einreiseverbot als "zynisch" und "unmenschlich" kritisiert. Der russische Sender Channel 1 kündigte an, den Wettbewerb in diesem Jahr nicht übertragen zu wollen. Den Vorschlag der EBU, Samoylova per Live-Schalte am ESC teilnehmen zu lassen, lehnten beide Seiten ab.

Zündstoff liefert auch die Tatsache, dass die Ukraine den ESC im vergangenen Jahr mit einem Song über die Verschleppung von Krimtataren durch Stalin im Jahr 1944 gewonnen hatte - und dass sie sich ausgerechnet gegen den im Vorfeld favorisierten Sänger aus Russland, Sergey Lazarev, durchsetzen konnte. Dieser bekam 2016 zwar die meisten Stimmen des Publikums. Die internationalen Jurys hingegen, die zu 50 Prozent das Ergebnis des ESC bestimmen, stuften Lazarev wesentlich schlechter ein, was ihn letztlich den Sieg kostete.

Kritik an ESC-Veranstalter an verworrener Situation

Zuletzt war auch Kritik an der EBU aufgekommen, dass sie diese verworrene Situation überhaupt hatte entstehen lassen. So hätte Vorjahressiegerin Jamala mit ihrem als politisch empfundenen Song "1944" gar nicht erst zum Wettbewerb zugelassen werden dürfen, heißt es etwa in ESC-Blogs. Doch diese Kritik weist Frank-Dieter Freiling, selbst ZDF-Mitarbeiter, zurück. "Wir haben den ukrainischen Beitrag 2016 sehr intensiv besprochen und sind einstimmig zu dem Entschluss gekommen, dass es kein Song ist, dessen Botschaft nicht durch das Prinzip der Meinungs- und Kunstfreiheit gedeckt wäre. Es ist müßig, das Thema in der Retrospektive zu beurteilen."

Dass Jamala mit "1944" ein politisches Thema besinge, stehe außer Frage. "Aber wir verbieten ja nicht Politik. Wir verbieten nur Konfrontation und Provokation." Vielleicht habe keiner erwartet, dass die Ukraine gewinne. "Sie hat aber gewonnen und ist deshalb zu Recht und nach den Statuten Gastgeber in diesem Monat", so Freiling. Für die Ukraine tritt in diesem Jahr übrigens die Band "O.Torvald" mit dem Rocksong "Time" an. In einer Version des ukrainischen Vorentscheids explodierten auf der Brust des Sängers zwei Platzpatronen, die rote Flecken auf seinem T-Shirt hinterlassen. Nein, Musik steht in diesem Jahr wirklich nicht so sehr im Zentrum des ESC.

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Deutschland: Hintere Plätze seit 2013

Nur ein Punkt trennt Deutschland vom dritten letzten Platz in Folge - das wäre ein Negativrekord gewesen. Die 26-jährige Sängerin Levina wird beim ESC in Kiew 25. und bekommt gerade einmal sechs Punkte, einen mehr als Spanien. Zwar singt sie überzeugend, doch ihr Song "Perfect Life" fällt bei Jurys und Publikum gleichermaßen durch.

2016 war kein gutes Jahr für Deutschland beim Eurovision Song Contest: Nur ein Punkt von den Jurys, nur zehn von den Zuschauern - damit wurde die deutsche Sängerin Jamie Lee, Siegerin der Castingshow "The Voice of Germany", Letzte. Ihre ruhige Ballade "Ghost" konnte nicht überzeugen. Jamie-Lee war seinerzeit nachgerückt für den zuerst nominierten Xavier Naidoo. Wegen umstrittener Äußerungen war die deutsche Delegation dann jedoch von Naidoo abgerückt.

Auch 2015 war der Wurm drin: Die deutsche Sängerin Ann Sophie bekam beim ESC in Wien keinen einzigen Punkt - letzter Platz für ihren Song "Black Smoke". Auch 2015 gab es im Vorfeld einen Eklat: Denn eigentlich sollte Sänger Andreas Kümmert für Deutschland antreten. Doch er zog seine Nominierung unmittelbar nach dem Sieg beim deutschen Vorentscheid zurück.

Auch nicht gerade ein gutes Ergebnis: 2014 in Kopenhagen landeten Elaiza mit "Is it right" auf Platz 18. Die drei jungen Musikerinnen hatten sich beim deutschen Vorentscheid überraschend gegen die bekannte Band "Unheilig" durchgesetzt.

"Cascada" enttäuschte 2013 in Malmö: Platz 21 für den Song "Glorious", der viele Beobachter an "Euphoria" von Vorjahressiegerin Loreen aus Schweden erinnerte. Gute Ergebnisse gab es zuletzt 2012 (Platz 8 für Roman Lob), 2011 (Platz 10 für Lena) und natürlich 2010 (Platz 1 für Lena). Hinter diesen Songs stand vor allem TV-Entertainer Stefan Raab.

(von Dominik Rzepka)