Nordkorea: Was die USA tun können

Realpolitik statt Drohgebärden

Der Nordkorea-Konflikt begleitet die USA seit Jahrzehnten. Jetzt überbieten sich Trump und Kim mit apokalyptischen Drohungen - ein gefährliches Spiel. Dabei ist die Nordkorea-Krise militärisch nicht zu lösen, da sind alle einig. Welche Möglichkeiten hat Washington also, und wie wahrscheinlich sind sie?

Angesichts einer wachsenden Bedrohung aus Nordkorea rufen in den USA auch aus der Trump-Anhängerschaft manche: Draufschlagen auf die Kommunisten und Schluss! Für sie war die rote Linie überschritten, als Pjöngjangs Waffen angeblich nicht nur die Westküste erreichen können sollten, sondern auch Chicago oder Dallas im Landesinneren.

1. Ein Präventivschlag

Ein "Hammerschlag" der USA, so gewaltig und schnell, dass Nordkorea nicht reagieren kann, gilt als höchst unwahrscheinlich bis ausgeschlossen. Die Folgen wären vor allem für die direkten Anrainer Nordkoreas dramatisch, möglicherweise gäbe es Millionen Tote binnen Stunden. Allerdings, schreibt das US-Magazin "The Atlantic", könnte diese Option genau wegen der regionalen Begrenzung für Trump nicht unattraktiv sein, spielte der Konflikt doch auf der anderen Seite der Welt. Dort aber sind Japan und Südkorea nicht nur Nordkoreas Nachbarn, sondern auch US-Verbündete.

Die Nordkorea-Rhetorik von Donald Trump

Nach Einschätzung von USA-Korrespondentin Ines Trams will Donald Trump umsetzen, was er im Wahlkampf gefordert hat: eine härtere Linie gegenüber Nordkorea - auch, um sich von der eher versöhnlichen Linie seines Vorgängers Barack Obama abzusetzen. Dafür sei die harsche, laute Rhetorik das Mindeste. Hinzu käme Trumps impulsive Seite. Wutausbrüche, trotzige Aussagen gelangten auch mal ungefiltert, ohne Rücksprache mit seinen Beratern, an die Öffentlichkeit. Derweil sei zuletzt Widersprüchliches aus Washington zu hören gewesen: Einerseits drohten Trump und sein Verteidigungsminister Mattis, andererseits versuche Außenminister Tillerson zu beruhigen. Ob Kalkül oder Uneinigkeit dahinterstecke, sei unklar.

Dazu kommt, dass Amerika im Stillen eine gewaltige Streitmacht zusammenführen müsste, ungleich größer als im Irak 2003, um das Überraschungsmoment auf seiner Seite zu haben. Wie sollte das gehen? Experten verweisen zudem etwa in der "New York Times" darauf, dass Nordkoreas bergige Topographie und die vielen Wälder es sehr unwahrscheinlich machten, Kim Jong Uns gesamtes Arsenal mit einem Mal auszuschalten. Dann aber werde der sich furchtbar wehren, schreibt der "Atlantic".

Das wissen auch Amerikas Militärs, anders als beim Golf würde Trump ja nicht alleine losschlagen. Eine der größten Katastrophen in der Geschichte der Menschheit könnte die Folge eines Präventivschlags sein, gefolgt von heillosem Chaos und Verheerungen: Darauf hat Verteidigungsminister James Mattis schon Ende Mai hingewiesen. Und das macht diese Option so unwahrscheinlich.

2. Serie begrenzter Angriffe

Stark verniedlichend als "Anziehen der Daumenschrauben" beschreiben Militärs diese Möglichkeit, als einen "Mittelweg". So könnte Washington auf einen nächsten Raketentest Pjöngjangs mit einem begrenzten, aber sehr schmerzhaften Schlag reagieren, etwa auf ein Testgelände. Dem folge eine - in der Theorie - begrenzte Reaktion Nordkoreas, die USA schlügen wiederum umso härter zurück. Im "Atlantic" beschreiben Sicherheitsexperten die inliegende Logik: In einer kontrollierten Eskalation sehe Nordkorea schließlich ein, dass die USA stärker sind.

3. Königsmord oder Regimewechsel

Auch diese Option ist absolut unwahrscheinlich. Wie sollte ein jeweils nächster, härterer Schritt kontrolliert werden, wer wollte eine Eskalation beherrschen? Korea dürfte sich kaum zu militärischen Wird-schon-gutgehen-Aktionen eignen wie am grünen Tisch des Planungsstabs.

Der so genannte Königsmord wird seit der Antike für Diktaturen oder Autokratien diskutiert. Ein Ausschalten des Herrschers und der ihn umgebenden Clique, so die Hoffnung, ermögliche einen radikalen Neuanfang und setze große Hoffnungen frei. Abgesehen von völkerrechtlichen Implikationen wäre solcher Schlag allerdings extrem schwer auszuführen. Und niemand könnte ausschließen, dass Nordkoreas hochgerüstetes Militär nicht trotzdem zurückschlüge. Ein extrem riskantes Spiel. Der "Guardian": "Man spielt nicht mit Atomwaffen."

4. Weiter wie bisher - und eine Normalisierung der Beziehungen

Sehr anstrengend - aber möglich. Realpolitik. Die USA akzeptieren widerwillig, dass Nordkorea seine Atomwaffen niemals aufgeben, aus Gründen der Selbsterhaltung aber auch nie einsetzen wird. Gesetzt, Nordkorea beendet seine Provokationen. Experten nennen diese Option weder schmackhaft noch ein Allheilmittel, zumal Menschenrechtsverletzungen in dem kommunistisch regierten Land zunächst weitergingen. Aber direkte Gespräche zwischen beiden Regierungen würden Pjöngjang geben, was es sich so sehnlich wünsche: die Anerkennung der internationalen Gemeinschaft, wenn auch herbeigedroht. Das Brookings Institut: Washington könnte mit einem Ende der Isolation locken, Nordkorea ein normaler Teil Asiens werden.

Am Ende könnte so ein Weg zu einem Friedensvertrag für die koreanische Halbinsel stehen, und einem Ende fortgesetzter Sanktionen. Der steinige Weg der Diplomatie unter Einschluss Südkoreas und Chinas.

Dazu "Foreign Policy": "Mit einem nuklearen Nordkorea zu leben heißt nicht, sein Waffenprogramm zu unterstützen. Das gleiche geschieht ja mit Indien, Pakistan oder Israel." Der große Unterschied sei die so tiefsitzende Feindschaft. Werde diese aktiv zurückgefahren, werde das Problem Nordkorea kleiner, meint auch der Think Tank CSIS. Das Brookings Institut: "Eindämmung und Abschreckung sind die am wenigsten schlechte Option" - ähnlich, wie es jetzt sei.

Ein solch zähneknirschendes Akzeptieren ist vom US-Präsidenten, der wohl eher spontan auf nordkoreanisches Rhetorikniveau eingeschwenkt ist und vom langen Atem der Außenpolitik keine Ahnung hat, zwar schwer vorstellbar. Aber unmöglich scheint es nicht, angesichts der potenziell historisch desaströsen Konsequenzen aller anderen Optionen. "Als Präsident würde ich verhandeln wie verrückt, um den besten Deal zu bekommen", sagte Trump über Nordkorea. Das war allerdings 1999.

US-Experten zum Nordkorea-Konflikt

Srinivasan Sitaraman, Politikwissenschaftler an der Clark University in Worcester, Massachusetts: Trotz der Bemühungen von Außenminister Rex Tillerson, Trumps Drohung mit "Feuer und Zorn" herunterzuspielen, "wirkt es so, als ob Herr Trump entweder absichtlich oder versehentlich die atomare VernichtungNordkoreas angedroht hat. Eine der Konsequenzen dieses Wortgefechts und der damit zusammenhängenden Eskalationshaltungen ist, dass es für die Vereinigten Staaten und Nordkorea sehr schwierig wäre, einen Rückzieher zu machen, nachdem sie sich rasch gegenseitig an den Rand des Abgrunds gedrängt haben. Trotz dieser Eskalation glaube ich, dass die Wahrscheinlichkeit einer nuklearen Auseinandersetzung, wenngleich höher als normalerweise, noch unter der Schwelle ist, über der es tatsächlich dazu kommen könnte. Es ist absolut notwendig, Wege zu finden, um Nordkorea an den Verhandlungstisch zu bringen und mit ihnen ins Gespräch zu treten, um die Wolke eines Atomkriegs zu vertreiben, die über der Welt hängt. Die Nordkoreaner an den Verhandlungstisch zu bringen ist nichts, das kurzfristig erreicht werden kann, aber die sechs Parteien (USA, Nordkorea, Südkorea, Japan, China und Russland) und der UN-Sicherheitsrat müssen darauf hinarbeiten, die Grundlagen für dieses Ziel zu schaffen."

Tony Talbott, der amtierende Geschäftsführer des Menschenrechtszentrums an der Universität von Dayton in Ohio: "Beide Staatschefs sprechen in erster Linie zu ihrem Publikum im Inland. Trump will oder muss stark erscheinen, um seinem Image und seiner vorherigen Rhetorik gerecht zu werden. Kim muss die Illusion erhalten, der einzige mögliche Retter seines Landes und Volkes zu sein - auf einer Insel der Tugend inmitten eines Meeres voller brutaler Feinde. Durch Chinas und Russlands Einverständnis für die Sanktionen (des UN-Sicherheitsrats) sieht und fühlt sich Kim allein und wird seine lautstarke Rhetorik fortsetzen. Sich in dieses Theater einzubringen, die Intensität (des Streits) und die Drohungen in den Reaktionen zu eskalieren, wird (den USA) zum Nachteil gereichen und Kim beim Erhalt der Kontrolle über das Regime in die Hände spielen."

Raymond Kuo, Politikwissenschaftler an der Fordham University in New York: Es gibt "keine guten militärischen Optionen, die nicht den Tod von Tausenden Menschen am ersten Tag als Ergebnis hätten, und selbst dann könnten sie die (militärische) Fähigkeit Nordkoreas nicht unbedingt zerstören". Die Welt "wird am Ende auf gegenseitig zugesicherte Zerstörung vertrauen müssen, bei der Atomwaffen abschrecken und keiner in einen Nuklearkrieg zieht. Doch das wird auch eine große Instabilität bei der konventionellen und unkonventionellen Kriegsführung schaffen. Ironischerweise könnte es Trump sein, der eskaliert und Krieg auslöst."

Margaret E. Kosal, Direktorin des Sam-Nunn-Sicherheitsprogramms am Georgia Institute of Technology in Atlanta: Könnte Nordkorea wirklich Guam angreifen? "Wahrscheinlich nein. Niemand außer einer kleinen Anzahl von Personen in der DVRK (Demokratische Volksrepublik Korea, der offizielle Name des Nordens) kann das mit Sicherheit wissen. Guam ist eine nicht glaubwürdige Drohung; Seoul und Japan ist eine glaubwürdige Drohung."

Sie nannte Trumps Kommentare auf Twitter "unverantwortlich. Es hilft den USA und unseren Verbündeten in keiner Weise. Es verstärkt die Instabilität. Unsere Diplomaten müssen gestärkt werden, um ihre Aufgaben zu erfüllen."

Tyler White, Assistenzprofessor der Politikwissenschaft an der University of Nebraska-Lincoln: "Trumps Aussagen scheinen Kims Sprache widerzuspiegeln. Versucht er, zu Kim in Worten zu sprechen, die dieser versteht? Ist es einfach die Art, wie Trump spricht? Versucht Trump, unberechenbar zu sein und dadurch Chinas Rechnung zu ändern und die Kosten der Unterstützung für Kim zu erhöhen? Es ist, offen gestanden, schwer zu sagen. Aber der Rest des Nationale-Sicherheits-Establishments scheint Trumps Rhetorik heute (Mittwoch) ein bisschen zurückzunehmen.

Die Hoffnung ist, dass Kim sich gezwungen fühlt, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Eine mögliche Art, dies zu tun, ist, ihn denken zu lassen, dass die USA sich nicht mehr einschränken, was sie tun könnten und was nicht. Das bringt natürlich die Gefahr mit sich, dass er einen Präventivschlag durchführt. Aber es scheint mir klar zu sein, dass Kims Atomprogramm ein Mittel ist, sein Regime an der Macht zu halten und eine nukleare Auseinandersetzung mit den USA wäre ein existenzielles Problem für ihn. Daher bezweifle ich, dass Kim zu einem Erstschlag bereit wäre. Wenn das auch Trumps Einschätzung ist, versucht er möglicherweise einfach, bei Kim Unsicherheit hervorzurufen und ihn hoffentlich zu Verhandlungen zu bringen."

(Quelle: ap)

Quelle: von Martin Bialecki, dpa