Fipronil-Skandal

Angst und Hektik am Eier-Markt

Der Fipronil-Skandal macht der Eier-Branche zu schaffen. Verbraucher kaufen weniger, Supermärkte wie Aldi nehmen Eier tagelang gleich ganz aus den Regalen. Die Angst ist groß, dass der Aufwärtstrend der letzten Jahre gestoppt werden könnte.

Der Schaden durch den Fipronil-Skandal geht für die niederländischen Bauern in die Millionen. In Deutschland sind zwar weit weniger Betriebe direkt betroffen, dennoch geht es auch bei ihnen um die Existenz.

Tausende Eier landen im Müll. Der Verlust wird vom Deutschen Bauernverband in jedem Hof auf 4.000 Euro täglich geschätzt. Und bevor über eine Entschädigung geredet werden kann, müsse erst einmal geklärt werden, wer für die Verunreinigung überhaupt verantwortlich ist. "Die betroffenen Landwirte dürfen nicht auf ihren Schäden sitzen bleiben", fordert Udo Hemmerling, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands.

"Große Verunsicherung"

Aber auch im Rest der Branche geht die Angst um. In den Supermärkten werden offenbar weniger Eier gekauft. Aldi hatte eine ganze Woche lang überhaupt keine mehr im Sortiment. "Es herrscht eine große Verunsicherung am Markt", sagt Marktanalystin Margit Beck vom Branchendienst "Eier und Geflügel" (MEG) im ZDF. Noch könne aber nicht eingeschätzt werden, ob die Nachfrage tatsächlich gesunken ist oder nicht. Trotzdem ist die Angst bei Bauern und Händlern groß.

Denn in den letzten Jahren hatte wieder einen spürbaren Aufwärts-Trend gegeben. 2010 wurden nach Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) in den deutschen Betrieben 10,6 Milliarden Eier produziert, letztes Jahr waren es schon stolze 14,2 Milliarden. Die mit Abstand meisten Betriebe gibt es in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Bayern und Baden-Württemberg.

Weniger Käfighaltung

Bemerkenswert dabei ist, dass die viel kritisierte Käfighaltung in Deutschland eine immer geringere Rolle spielt. 9,7 Prozent der Hennen lebten 2016 noch in solchen Legebatterien, so der MEG, mehr als 62 Prozent in Boden- und 17,7 Prozent in Freilandhaltung. Der Bio-Anteil: 10,6 Prozent. Zum Vergleich: In Frankreich oder Italien liegt der Käfig-Anteil bei über 60 Prozent, in Polen, Lettland oder Spanien sogar bei deutlich über 80 Prozent. Bio-Eier gibt es dort so gut wie gar nicht.

Was die Zahl der Legehennen angeht, ist Deutschland Spitzenreiter in der EU. Trotzdem reicht die Produktion nicht aus, um den Appetit der Deutschen auf Eier zu stillen. Etwa 30 Prozent des Bedarfs wird durch Importe gedeckt, meist aus den Niederlanden. 235 Eier werden hierzulande laut BLE pro Kopf und Jahr vertilgt. Vor sieben Jahren waren das noch 218 gewesen. "Die Hälfte davon wird nach unserer Recherche als Schalen-Ei im Laden gekauft", erklärt Margit Beck. Der Rest wird in der Gastronomie oder von der Nahrungsmittel-Industrie verarbeitet - etwa zu Majonäse, Nudeln und Gebäck.

Eier bald teurer?

Werden Eier wegen des Fipronil-Skandals nun bald teurer? In absehbarer Zeit nicht, glaubt Margit Beck, weil die Kundenpreise üblicherweise längerfristig verhandelt werden. "Innerhalb eines Jahres sind die Verbraucherpreise in der Regel stabil. Und ich wüsste nicht, warum sich das jetzt ändern sollte." Noch kann aber niemand sagen, welche Kreise der Skandal ziehen wird und wie die Verbraucher längerfristig darauf reagieren.

Der Deutsche Bauernverband drängt wohl auch deshalb auf "eine rasche und umfangreiche Aufklärung aller Hintergründe zu der aktuellen Krise". Der Verzehr deutscher Eier sei im Übrigen aber weiter unbedenklich, so der Verband. Dass Aldi zeitweise gleich alle Eier aus den Regalen genommen habe, nennt er „überzogen“ und „nicht angemessen.“

Wie gefährlich ist Fipronil?

Bei den niederländischen Behörden ist die Rede von mehreren Millionen Eiern. In Deutschland handele es sich insgesamt um 2,9 Millionen Eier, von denen 875.000 in den Handel gelangt seien, hieß es vom Agrarministerium Nordrhein-Westfalen. Etwa 1,3 Millionen dieser Eier seien über eine Packstelle im Kreis Borken auch nach Niedersachsen gelangt. Es wird empfohlen, die betroffenen Eier aus Belgien und den Niederlanden zurückzugeben.

In der EU ist jedes Ei mit einem - meist aufgedruckten - Code gekennzeichnet. Der Code setzt sich aus Ziffern und Buchstaben, die unter anderem für das Land, den Betrieb und das Haltungssystem stehen, zusammen.

Die entsprechenden Chargen der mit Fipronil belasteten Eier tragen dem Agrarministerium zufolge in Niedersachsen die Stempelaufdrucke 1-NL 4128604 oder 1-NL 4286001 sowie die Mindesthaltbarkeitsdaten (MHD) 14.08.2017 und 16.08.2017. In Nordrhein-Westfalen sind die Chargen 1-NL 4128604 oder 1-NL 4286001 betroffen. Die Legedaten liegen zwischen dem 9. bis 21. Juli. Erstmals sind auch Eier mit einer Printnummer betroffen. Sie lautet: 1-DE-0357731. Weitere Informationen finden Sie auf dem Portal lebensmittelwarnung.de.

Das Mittel Fipronil kommt als Pflanzenschutzmittel oder in der Veterinärmedizin zum Schutz von Hunden vor Flöhen und Zecken zum Einsatz. Der in den 1980er Jahren in Frankreich entwickelte Wirkstoff ist allerdings nicht nur für Zecken und Flöhe, sondern auch für Honigbienen in hohem Maße giftig.

2013 hat die Europäische Union daher beschlossen, den Einsatz des Mittels in der Landwirtschaft zu begrenzen. Um Bienenvölker besser zu schützen, darf es zum Beispiel nicht mehr zur Saatgutbehandlung von Mais verwendet werden.

Vermutlich nichts. Alles andere ist sehr unwahrscheinlich. Die derzeit gemessenen Fipronil-Werte der Eier sind nicht sehr hoch: "Für Erwachsene ist das noch nicht gefährlich", sagte eine Sprecherin des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Wegen Analyseergebnissen in Belgien hatte das BfR allerdings vor einem potenziell akuten Gesundheitsrisiko für Kinder beim Verzehr der Eier gewarnt.

Auf Basis europäischer Verzehrsdaten für Kinder ergibt sich demnach eine Überschreitung der sogenannten akuten Referenzdosis (ARfD) bis um das 1,6-Fache bei den betroffenen Hühnereiern. Dies gilt aber nur bei dem höchsten Wert, der in Belgien gemessen wurde. In höheren Dosen kann Fipronil bei Menschen Haut und Augen reizen sowie Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen verursachen.

Mit dieser Frage beschäftigen sich jetzt die Behörden. Nach Angaben des Niedersächsischen Agrarministeriums war bei Legehennenbetrieben im Ausland festgestellt worden, dass Fipronil in Ställen nachgewiesen wurde. Das Mittel ist nach Angaben des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) als Arzneimittel für die Anwendung bei Lebensmittel liefernden Tieren, wie etwa Hennen, verboten.

Tiere, die von Milben, Läusen oder Zecken befallen sind, werden gewöhnlich damit behandelt. Über Haut und Gefieder nehmen Legehennen einem ZDG-Sprecher zufolge das Insektizid auf. Rückstände davon können dann auch in den Produkten der Tiere nachgewiesen werden. "Es sollte aber nicht da drin sein und hätte nicht verwendet werden dürfen", betonte der ZDG-Sprecher.

Der Versorgungsgrad mit Eiern aus eigener Produktion liegt in Deutschland bei 67,3 Prozent. Um die Nachfrage auf dem heimischen Markt komplett decken zu können, muss der Rest dem ZDG zufolge aus dem Ausland importiert werden. Häufige Bezugsquellen für Eier sind Nachbarländer wie die Niederlande, Belgien oder Polen.

(Quelle: dpa)

(von Mark Hugo)