Konflikt in Myanmar

Rohingya-Flüchtlinge: "Notfall im Notfall"

Immer mehr Angehörige der Rohingya-Minderheit fliehen aus Myanmar nach Bangladesch. Die Vereinten Nationen fordern mehr Unterstützung für die Flüchtlinge, Tausende Kinder seien betroffen. Angesichts des Konflikts in ihrem Land will Staatsführerin Suu Kyi nicht an der UN-Vollversammlung teilnehmen.

Die Vereinten Nationen haben massive Hilfen für die aus Myanmar geflohenen Rohingya gefordert. Die Lebensbedingungen in vielen Flüchtlingslagern in Bangladesch seien "ein Notfall innerhalb eines Notfalls", sagte George William Okoth-Obbo vom UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR am Mittwoch.

"Wir alle müssen unsere Anstrengungen verstärken, von Lebensmitteln bis zu Unterkünften." Bislang seien etwa 400.000 Rohingya in das Nachbarland Bangladesch geflohen. Unklar sei, wie viele noch dazukämen.

Aung San Suu Kyi kommt nicht zur UN-Vollversammlung

Diplomaten zufolge tritt voraussichtlich am Mittwoch der UN-Sicherheitsrat hinter verschlossenen Türen zusammen, um über die Eskalation der Gewalt in Myanmar zu beraten. Die UN hatten das Vorgehen Myanmars gegen die muslimische Minderheit scharf kritisiert und es als Vorgehen nach einem "Lehrbuch für ethnische Säuberungen" bezeichnet.

Human Rights Watch und Amnesty International kritisierten, die Vereinten Nationen hätten den Konflikt lange ignoriert. Bereits im vergangenen Jahr habe es in kleinerem Umfang Tötungen von Menschen sowie Dörfer gegeben, die niedergebrannt worden seien. Der Konflikt sei vorhersehbar gewesen.

Die Staatsführerin von Myanmar, Aung San Suu Kyi, wird angesichts des Konflikts mit den Rohingya in ihrem Land nicht an der UN-Vollversammlung teilnehmen. Das gab ein Sprecher des Präsidentenbüros bekannt. Die Friedensnobelpreisträgerin wird international kritisiert, nicht genug für eine friedliche Lösung des ethnischen Konflikts mit der muslimischen Minderheit der Rohingya zu tun.

Präsidentensprecher Zwa Htay teilte mit, Staatspräsident Htin Kyaw sei im Krankenhaus, daher werde der zweite Vizepräsident an der Versammlung teilnehmen. Suu Kyi könne nicht erscheinen, weil sich im Staat Rakhine Terrorattacken ereignet hätten und sie sich darauf konzentriere, die Lage zu beruhigen. In manchen Gebieten sorgten Menschen für Aufruhr, und zudem gebe es Informationen über weitere Terrorangriffe. Suu Kyis offizielle Titel sind Staatsberaterin und Außenministerin, sie ist aber De-facto-Staatsführerin in dem südostasiatischen Land.

"Lehrbuchbeispiel für ethnische Säuberungen"

Rohingya

Als "Rohingya" bezeichnen sich die rund eine Million Muslime in Myanmars Teilstaat Rakhine (ehemals Arakan). Etwa eine weitere Million Rohingya leben als Flüchtlinge in Nachbarländern. Sie verstehen sich selbst als eigenständige ethnisch-religiöse Gruppe und gelten als eine der am stärksten verfolgten Minderheiten der Erde. Staatliche Stellen in Myanmar vermeiden die Bezeichnung Rohingya und sprechen stattdessen von "Bengalis", die illegal aus dem benachbarten Bangladesch eingewandert seien.

Seit der Unabhängigkeit Myanmars 1948 verließen wegen anhaltender staatlicher Unterdrückung Hunderttausende Rohingya das Land. Sie gelten im Land nicht als Staatsbürger und sind Willkür von Polizei, Militär und Behörden weitgehend schutzlos ausgeliefert.

Zugleich kündigte das Präsidentenbüro an, ein Ausschuss sei gegründet worden, um die Sicherheit und Lebenssituation der Rohingya zu verbessern. Das Gremium aus 15 Mitgliedern für den Staat Rakhine solle unter anderem die wirtschaftliche Entwicklung in den von Rohingya bewohnten Gebieten fördern und zudem dabei helfen, dass sich die Anerkennung der muslimischen Minderheit als Bürger Myanmars beschleunige.

Die Regierung macht aufständische Rohingya für die Ausschreitungen der vergangenen drei Wochen verantwortlich. Diese hatten am 25. August begonnen, als Rebellen einen Polizeiposten angriffen. Beobachter vor Ort und Experten sehen es als unwahrscheinlich an, dass - wie von der Regierung behauptet - Rohingya die Welle der Gewalt weiter antreiben und ihre eigenen Wohnungen und Häuser in Brand setzen.

Viele der Geflüchteten sagen, Soldaten hätten willkürlich Schüsse abgegeben und ihre Häuser niedergebrannt. Andere bezeugen, buddhistische Mobs hätten sie angegriffen. Während die Regierung von "Säuberungsaktionen" gegen Terroristen spricht, hat UN-Menschenrechtskommissar Said Raad al-Hussein Ungerechtigkeiten und Gewalt gegen die Rohingya als "Lehrbuchbeispiel für ethnische Säuberungen" bezeichnet. Irans Oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei nannte Suu Kyi eine "brutale Frau". Die Tötung von Muslimen im Land sei ein politisches Desaster.

Karte: Myanmar und Bangladesch
Quelle: ap, reuters