Verbrechen an Herero und Nama

Historiker: "Deutschland verliert Reputation"

Afrikanische Herero und Nama verklagen die Bundesrepublik in den USA auf Schadensersatz, es geht um Gräuel während der deutschen Kolonialzeit. Deutsche Vertreter werden nicht erwartet. Deutschland agiert in der Angelegenheit zu formal und stur, kritisiert Historiker Jürgen Zimmerer im heute.de-Interview.

heute.de: Wieso wurde die Klage in New York eingereicht?

Jürgen Zimmerer: Nicht alle Nachkommen der Herero und Nama wohnen in Namibia, sondern einige auch in Botswana, in Südafrika und in den USA. US-Bürger klagen zusammen mit namibischen Vertretern in New York. Seit 2015 verhandeln Deutschland und Namibia die Fragen der Anerkennung des Völkermords, einer Entschuldigung und Wiedergutmachung auf Regierungsebene. Von den Herero und Nama selbst gewählte Vertreter sind nicht beteiligt. Die Kläger sehen sich von der namibischen Regierung nicht repräsentiert.

Jürgen Zimmerer ...

... ist Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg und Leiter der Forschungsstelle "Hamburgs (post-) koloniales Erbe". Zimmerer forscht über den Genozid an den Herero und Nama sowie über die Nachwirkungen des Kolonialismus in Deutschland.

heute.de: Der Sonderbeauftragte der namibischen Regierung, Zed Ngavirue, der gemeinsam mit dem Deutschen Ruprecht Polenz (CDU) die Verhandlungen führt, ist Herero. Vertritt er die Interessen seines Volkes nicht richtig?

Zimmerer:Die New Yorker Kläger berufen sich auf die Konvention der Vereinten Nationen (UN) zum Schutz indigener Minderheiten. Sie legt fest, dass wenn über die Belange indigener Minderheiten verhandelt wird, sie das Recht haben, selbstgewählte Vertreter an den Verhandlungen zu beteiligen. Dies ist in diesem Fall nicht geschehen. Dieser Konvention sind jedoch sowohl Deutschland als auch Namibia 2007 beigetreten.

Warum Herero und Nama klagen

Die New Yorker Kläger berufen sich auf die Konvention der Vereinten Nationen (UN) zum Schutz indigener Minderheiten. Sie spricht den Minderheiten das Recht zu, selbstgewählte Vertreter an den Verhandlungen zu beteiligen. Dies ist in diesem Fall nicht geschehen.

Der Konvention sind sowohl Deutschland als auch Namibia 2007 beigetreten. Parallel zur Klage in New York verhandeln eine Deutsche und eine namibische Delegation über eine Entschädigung. Die Kläger in New York sehen sich von der namibischen Regierung nicht repräsentiert. (Quelle: ZDF)

heute.de: Welche Art der Wiedergutmachung erwarten die Kläger?

Zimmerer: Die Klage hat zwei Teile: Beteiligung an den Verhandlungen und Wiedergutmachung. Eine Summe wird nicht genannt. Die Kläger wollen nach eigenem Bekunden keine Zahlungen an einzelne Herero oder Nama, sondern Strukturhilfe. Die namibische Nama-Vertreterin Ida Hoffmann spricht beispielsweise von der Gründung einer Universität im Süden des Landes, wo traditionell vor allem Nama leben.

heute.de: In den vergangenen 20 Jahren hat Deutschland etwas mehr als 900 Millionen Euro Entwicklungshilfe an Namibia gezahlt - das ist gemessen an der Bevölkerungszahl mehr als jedes andere Land in der Welt aus Berlin bislang bekommen hat. Ist das nicht schon eine Art der Kompensation?

Zimmerer: Bei der deutschen Entwicklungshilfe ging und geht es nicht primär um die Herero und Nama, sondern um die Stabilität und die wirtschaftliche Entwicklung in einem Land, in dem 20.000 bis 30.000 deutschstämmige und deutschsprachige Namibier leben. Namibia ist das einzige Land in Afrika mit einer identifizierbaren deutschstämmigen Minderheit. Herero und Nama kritisieren darüber hinaus, dass die Regierung in Windhoek die Entwicklungshilfe vor allem in den Norden des Landes leitet, wo die regierende SWAPO ihre Machtbasis unter den Ovambo hat. Die Herero und Nama aber gehören eher zur Opposition. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es auf dem Gebiet des heutigen Namibia genauso viele Herero wie Ovambo. Heute gibt es zehnmal mehr Ovambo als Herero und Nama. Das ist eine Folge des Genozid. Außerdem haben sie nie ihr Land zurückbekommen, das ihnen unter deutscher Kolonialherrschaft genommen wurde.

heute.de: Streiten die Namibier also entlang ethnischer Grenzen im eigenen Land?

Zimmerer: Nein. Die ehemalige Befreiungsbewegung SWAPO hat seit der Unabhängigkeit 1990 die Macht und bedient ihr Klientel. Die Zahlung von Entwicklungshilfe und die Klage der Herero und Nama gehören nicht in einen Topf. Es sind verschiedene Dinge. Die Herero und Nama reklamieren einen Rechtsanspruch und keine Hilfe.

heute.de: Was sagt das Völkerrecht dazu? Ist die Bundesrepublik Rechtsnachfolger des Deutschen Kaiserreichs?

Zimmerer: De facto ja, das Bundesverfassungsgericht hat sogar festgestellt, dass die Bundesrepublik Deutschland mit dem Deutschen Reich als Völkerrechtssubjekt identisch sei. Es bleibt die Frage, ob sich daraus Pflichten ableiten lassen zur Wiedergutmachung eines Völkermords. Im Völkerrecht ist die Staatsimmunität verankert. Das heißt, Privatleute können nicht klagen gegen Staaten und Personen, die in einem hoheitlichen Auftrag gehandelt haben, wie es Soldaten tun. Das scheint der Grund zu sein, warum die Bundesregierung die New Yorker Klage gar nicht zur Kenntnis nehmen will. Öffentlich geäußert hat sie sich dazu nicht.

Eckdaten zu Namibia

Namibia Staatsgebiet ist doppelt so groß wie das der die Bundesrepublik, allerdings extrem dünn besiedelt. In Namibia leben nur rund 2,1 Millionen Menschen. Das Gebiet des heutigen Namibia war von 1884 bis 1915 deutsche Kolonie. In den Jahren 1904 bis 1908 verübten die deutschen Kolonialisten Verbrechen an den Herero und Nama und ermordeten rund 80.000 Menschen .

Seit der Unabhängigkeit Namibias 1990 hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mehr als 930 Millionen Euro in die Entwicklungszusammenarbeit mit dem Staat im südlichen Afrika investiert. Die inhaltliche und geographische Ausrichtung der Entwicklungsprojekte wird nach Auskunft des Ministeriums gemeinsam mit der namibischen Regierung beschlossen. Gegenwärtig würden Projekte in fast allen Landesteilen umgesetzt. Der geographische Schwerpunkt liegt im Norden Namibias, da hier die meisten und auch die ärmsten Menschen in Namibia leben.

Es gibt drei gemeinsam vereinbarte Schwerpunkte. Bei der "nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung" unterstützt Berlin die Einführung einheitlicher Standards in der beruflichen Bildung, erklärt das Ministerium. Auf dem Arbeitsmarkt fehlen viele Fachkräfte, gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit hoch. Offiziell liegt die Quote bei rund 25 Prozent. Unter Jugendlichen ist sie noch deutlich höher. Im Schwerpunkt "Transport" wird der Bau von lokalen Zubringerstraßen unterstützt. Damit erhält die Bevölkerung einen besseren Zugang zu Märkten, Schulen und Gesundheitseinrichtungen.

Im Bereich "Management Natürlicher Ressourcen" unterstützen die Deutschen den Schutz der einzigartigen Biodiversität. Es wurden der Bau von Parkstationen in den Nationalparks sowie die Ausbildung von Mitarbeitern der namibischen Naturschutzbehörde unterstützt. Die bilaterale Zusammenarbeit im Bereich HIV/Aids endete im Einvernehmen mit der namibischen Regierung Mitte 2016. Namibia gehört mit einer HIV-Infektionsrate von etwa 13 Prozent (Erwachsene zwischen 15 und 49 Jahren, 2015) weiterhin zu den Ländern, die am schwersten von HIV und Aids betroffen sind.

Quelle: Katharina Sperber

heute.de:Dann wird auch dieses Mal kein deutscher Vertreter zur Anhörung fahren?

Zimmerer: Wohl nicht, zumindest ergibt sich dies aus einer Stellungnahme des Berliner Justizsenators, der erklärte, die Klageschrift nicht zuzustellen. Die Bundesregierung kann sich damit auf den Standpunkt stellen, gar nicht geladen zu sein. Es gab schon eine Anhörung im März. Da war kein deutscher Vertreter dabei. Das hat die Richterin verwundert zur Kenntnis genommen und deswegen den neuen Termin im Juli angesetzt. Er wurde verschoben, weil kein deutscher Vertreter anreiste. Deutschland hofft wahrscheinlich darauf, dass mit seinem Fernbleiben die Klage nicht zugelassen und das Gerichtsverfahren nicht eröffnet wird. Es soll durch das Fernbleiben wohl auch dem Eindruck entgegengetreten werden, die Zuständigkeit des Gerichtes anzuerkennen. Bereits 2001 und 2004 hat die Bundesregierung ähnliche Klagen durch Formalien scheitern lassen. Ich denke aber es ist eine irrige Ausnahme, davon auszugehen, dass die Herero und Nama die Sache auf sich beruhen lassen werden.

heute.de: 2016 hat der Bundestag in einer Resolution die Vernichtung der Armenier durch die Türken Anfang des 20. Jahrhundert als Völkermord verurteilt. Warum verweigern die Abgeordneten den Herero und Nama eine solche Resolution?

Zimmerer:Der Bundestag hat für sich in Anspruch genommen, einem anderen Land - der Türkei als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reichs - ins Stammbuch zu schreiben, es müsse Verantwortung für einen Genozid übernehmen. Das ist jetzt die moralische Messlatte für den Umgang mit der eigenen deutschen Vergangenheit. Immerhin wehren sich Bundesregierung und Parlament inzwischen nicht mehr gegen den Begriff Völkermord. Jahrzehnte lang war er tabu.

heute.de: Herero und Nama sind sich nicht einig, wie es weitergehen soll. Machen sie es Deutschland damit nicht leicht, auszuweichen?

Zimmerer:Deutschland zieht sich auf formale Bestimmungen des Völkerrechts zurück und verkennt dabei, dass das Völkerrecht Ende des 19. Jahrhunderts von den Kolonialmächten geschaffen wurde, um ihre Ansprüche zu sichern. Mit diesem sturen formalen Vorgehen verliert Deutschland Reputation. Das ist extrem kurzsichtig. Inzwischen denkt sogar die namibische Regierung daran, zu klagen.

heute.de:Wird sich die Regierung der Klage in New York anschließen?

Zimmerer:Nein, sie kann vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag klagen. Außerdem hat sie ja die Möglichkeit direkt mit Deutschland zu verhandeln. Sie ist jedoch durch die Klage der Herero und Nama in New York unter Druck geraten. Lange wollte sie das Thema Entschädigung gar nicht angehen. Sie war zufrieden mit der großzügigen deutschen Entwicklungshilfe, die sie allein verteilen kann. Aber das ändert sich gerade, und viele Augen sind auf Deutschland gerichtet.

Das Interview führte Katharina Sperber.

Die Kolonie Deutsch-Südwestafrika

Kolonial-Beginn mit einer Finte

Mai 1883: Die Geschichte der Kolonie Deutsch-Südwestafrika beginnt mit einer Finte. Der Kaufmannsgehilfe Heinrich Vogelsang erwirbt im Auftrag des Bremer Tabakhändlers Adolf Lüderitz die Bucht von Angra Pequena (später Lüderitzbucht) "bis zu einer Ausdehnung von 20 geografischen Meilen landeinwärts". Vogelsangs Verhandlungspartner, Nama-Häuptling Joseph Fredericks, geht von einer englischen Meile aus, umgerechnet 1,6 Kilometer; Vogelsang legt dagegen stillschweigend das deutsche Maß fest: 7,4 Kilometer.

Lüderitzland

April 1884: Nach ersten Konflikten zwischen den deutschen Neuankömmlingen, ihren in der Region ebenfalls aktiven britischen Kontrahenten und den Einheimischen telegrafiert Reichskanzler Otto von Bismarck dem deutschen Konsul in Kapstadt, "Lüderitzland" stehe unter deutschem Schutz.

Geburt der Kolonie Deutsch-Westafrika

Mai 1885: Erster Reichskommissar wird Ernst Heinrich Göring, Vater des späteren NS-"Reichsmarschalls" Hermann Göring.

August 1884: In der Lüderitzbucht wird die deutsche Flagge offiziell gehisst. Dieser Akt gilt als eigentliche "Geburt" der Kolonie Deutsch-Südwestafrika.

Mai 1885: Erster Reichskommissar wird Ernst Heinrich Göring, Vater des späteren NS-"Reichsmarschalls" Hermann Göring.

Juli 1890: Als Folge des Helgoland-Sansibar-Vertrags wird Deutsch-Südwestafrika um den Caprivi-Zipfel erweitert, benannt nach Bismarcks Nachfolger als Reichskanzler, Leo von Caprivi.

Oktober 1890: Baubeginn der Festung Windhuk, in deren Schatten die heutige Hauptstadt Namibias, Windhuk, entsteht.

Erste Spannungen

1897: Eine Rinderpest bedroht die Lebensgrundlage der viehzüchtenden Herero. Hinzu kommen eine Malaria-Epidemie, Heuschreckenplagen sowie eine Dürre. Spannungen mit den deutschen Kolonialherren sind die Folge, die durch Übergriffe, Ausbeutung und Landnutzungs-Konflikte zusätzlich angeheizt werden.

Aufstand der Herero

Januar 1904: Der Aufstand der Herero beginnt. Am 2. Oktober gibt der deutsche Truppenchef Lothar von Trotha seinen "Vernichtungsbefehl" aus. Darin kündigt er an, dass die Herero das Gebiet der Kolonie zu verlassen hätten. "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen." Auf die Erhebung der Herero folgt die der Nama. Bis 1908 sterben Zehntausende Menschen. Die aktuelle Debatte über einen Völkermord in Namibia bezieht sich auf diese Kämpfe.

Diamantenfund und Wirtschaftsaufschwung

April 1908: Der erste Diamantenfund in Namibia beim Bau der Eisenbahnlinie "Lüderitz-Seeheim" symbolisiert den wirtschaftlichen Aufschwung der Kolonie im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Um den Fundort herum entsteht die Siedlung Kolmanskuppe inklusive Kegelbahn, Kraftwerk und Krankenhaus mit dem ersten Röntgenapparat des südlichen Afrika. Heute ist der Ort eine Geisterstadt und Touristenattraktion.

Weltkrieg und Ende der Kolonie

Juli 1914: Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Zu diesem Zeitpunkt leben 14.000 europäische Siedler in Deutsch-Südwestafrika, davon 12.000 Deutsche.

9. Juli 1915: Die deutsche Schutztruppe ergibt sich den Engländern. Das formelle Ende der Kolonie markiert der 1919 abgeschlossene Vertrag von Versailles.

Quelle: